Projektbeschreibung

JUST FOLDED

Kurzzusammenfassung

  1. Die Erstellung von Faltkörpern, die keine Bindung benötigen.
  2. Die Faltkörper inhaltlich Füllen und gestalten.

Zielsetzung

Zu 1. Faltkörper werden aus einem Blatt Papier geschnitten und gefaltet. Die Körper sind fest und stabil, wodurch aus zweidimensionalem Papier ein dreidimensionaler Körper wird, der seine Form hält. Grundlagen der Faltkörper bilden die Gruppen der gleichseitigen Polyeder - Platonische Körper, Deltaeder, Catalanische Körper, Archimedische Körper und Johnson Körper. Die Stabilität der Körper wird durch eine bestimmte Faltung und "Verknotung" der Seiten ermöglicht. Höchster Anspruch an die Faltungen der Bücher ist die DAU-Tauglichkeit.

Zu 2. Jeder Körper hat eine andere Reihenfolge der Seiten, die sich jeweils mit der Faltung ergeben. Es muss jede Seite individuell in Größe, Ausrichtung und Inhalt gestaltet werden. In Berufung auf ulises carrions die neue kunst des büchermachens zitiere ich: "in der neuen kunst ist jede seite anders; jede seite ist ein individualisiertes element einer struktur (dem buch), in der sie eine bestimmte aufgabe zu erfüllen hat." Die Aufgaben der Seiten sind, die Richtung zur nächsten Seite Preis zu geben, den Körper zu stabilisieren und die darunterliegende Seite zu verdecken. Auf diese Weise kommen Schicht um Schicht Inhalte ans Licht. Die Inhalte sollen in Form von Text, Illustration und Bild erscheinen.

Vorgehen

Ausgangssituation

Bücher als Faltkörper sind ein Novum! Gleichartiges gibt und gab es nicht!

Bücher

Das klassische Buch ist eine Folge von Seiten, die links, rechts, oben oder unten gebunden sind. Die Seiten sind zumeist so gestaltet, dass ihre flächige Ausnutzung vorrangig Text bereit hält. Diese klassische Form von Büchern stellt jedoch auch die einfachste und global verständliche Präsentation von Text dar. Mag z. B. die Richtung zu Blättern im östlichen Kulturraum von links sein, statt von rechts, oder andernorts die Leserichtung variieren, von oben nach unten, von rechts nach links, bleibt die Kulturtechnik des Blätterns immer gleich. Auf der Rückseite der Seite 3 muss zwangsläufig die Seite 4 sein. Dies ist der Einfachheit geschuldet. Ein Nachschlagewerk muss schnell und einfach einsehbar sein!

Artist's Books oder Künstlerbücher sind zumeist Unikate, die vom Künstler individuell gestaltet wurden. Die jeweiligen Seiten sind vollkommen individualisiert und nur als Faksimile technischen reproduzierbar. Habtisch verlieren sie dann ihre Relevanz, da in den meisten Fällen gerade das aufgetragene Material oder die geprägte Struktur der Seiten das Buch und das Erlebnis mit dem Buch ausmachten.

Neben den klassischen und Künstlerbüchern stehen noch besondere Druckausgaben, die die Leporellofaltung nutzen. Bei diesen Ausgaben ist eine Bindung nicht von Nöten, auch folgt, was der Faltung zuzurechnen ist, auf die Vorderseite nicht die numerische Rückseite. Ein Buch in Leporellofaltung ergibt nur ein Stapel Papier.

Falt- und Schnitttechniken

Origami bedeutet, Papier zu falten. Es entstehen bei der Faltung Körper mit fast ausschließlich dreickige Flächen. Diese Flächen eignen sich nur schwerlich für Texte! Die Gestaltung eines Origamiblattes, wodurch der gefaltete Körper eine äußere Zeichnung bekommt, beschränkt sich auf einen Bruchteil der Papierfläche. Hinzu kommt, dass es nur eine Seite gibt, die betrachtet wird, die Rückseite ist lediglich bei der Faltarbeit zu sehen. Zu guter Letzt ist ein grundlegendes Prinzip des Origami die Symmetrie, die zwar ein optisches Wohlbefinden erzeugen kann, mit der Zeit aber auch langweilig wird.

Kirigami bedeutet, Papier zu schneiden. Bei dieser Form der Papiergestaltung entsteht ein visuell plastischer Eindruck, ein habtisch sehr labiler Körper. Eine bekannte Buchform ist das Pop-up-Buch, in dem Klappfiguren eingearbeitet sind. Die Figuren müssen derart gefaltet sein, dass sie in Verbindung mit den beiden angrenzenden Seiten eine Kraft- Hebelwirkung aushalten, die sie aufrichtet. Jedoch entsteht kein Körper, sondern nur der Schein davon.

Ansatz

Um Flächen stabil übereinander stapeln zu können, benötigen sie gleiche Abmessungen. Ein Buch ist in der Regel ein Rechteck im Hochformat. Ein Rechteck hat zwei unterschiedliche Kantenlängen, außer es ist ein Quadrat oder eine Raute. Unterschiedliche Kantenlängen sind für die Faltung über jede der Kanten ungeeignet!

Die Eigenschaften der gleichseitigen Polyeder eignen sich hingegen hervorragend für die geometrische Faltung. Ihr gemeinsames Merkmal ist: gleichlange Seiten/Kanten. Aufgrund dieser Eigenschaft ist es möglich, Faltkanten über jeder Seite zu brechen. Einige Körper sind jedoch eigen, was die Richtung ihrer Seiten anbelangt, wodurch eine starke Einschränkung der Schnitt- und Faltmöglichkeiten entsteht, aufgrund der Anforderung sich deckender Seiten.

Abb. 1Rhombenhexaeder

Ein aussagekräftiges Beispiel dafür ist das Rhombenhexaeder (Abb. 1), dessen Seiten/Flächen Rauten bilden. Das Layout der Schnittvorlage arbeitet mit gespiegelten Zeilen. Erst durch die Spiegelung kommt es nach einer Faltung zu sich deckenden Seiten, die für Stabilität sorgen.

Umsetzung

Zu formulierende Bedingungen für Faltkörper sind:

  1. Alle Kanten des Körpers sind gleich lang.
  2. Ein Faltkörper ist möglichst nur auf eine Weise zusammenfaltbar.
  3. Das Layout der Seiten verrät dem Leser, welche die Folgeseite ist.
  4. Die Stabilität des Faltkörpers wird durch eine bestimmt Falt- und Schnittvariante sich deckender Seiten erreicht.
  5. Der Anfang der Faltungen ergibt unmittelbar eine steife Konstruktion, um die weiteren Faltungen zu erleichtern (DAU-Tauglichkeit).
  6. Der Faltkörper ist nur mit einer Seite öffenbar oder es ist Prinzip des Buchinhalts, mehrere Anfänge zu haben, die keine Sackgassen bilden.

Im ersten Schritt wird eine möglichst einfache Faltung eines Polyeders gefunden. Für die Stabilität des Körpers ist eine bestimmte Dopplung/Stapelung von Seiten nötig. Möglichst wenige Seiten zu benutzen kommt der Benutzerfreundlichkeit entgegen. Für manche Körper ist es jedoch interessanter eine Grundfläche gänzlich auszufüllen (z.B. Würfel, Rhombenhexaeder - siehe Abb. 1).

Im Anschluss müssen die Abmessungen der einzelnen Seiten festgestellt werden. Dabei wird die Reihenfolge der Seiten erfasst. Hierbei ist die Richtung des Lesens/Blätterns gegen die Intuition des Lesers zu stellen und in Einklang mit der Faltreihenfolge des Faltkörpers zu bringen.

Zuletzt werden die Seiten individuell und in bezug aufeinander gestaltet. Hierbei ist zu beachten, wie die Nachbarseiten, die verdeckte Seite und die Rückseite im Zusammenhang stehen. Gerade der letzte, gestalterische Schritt bietet die größten Möglichkeiten der Entfaltung für die beteiligten Künstler. Für die Gestaltung der Inhalte sind namhafte Autoren, Illustratoren und Maler zu gewinnen, die sich individuell mit unterschiedlichen Faltkörpern auseinander setzen oder Materialien stellen, die gestalterisch eingesetzt werden.

Zielgruppe

Die Zielgruppe teilt sich in zwei Richtungen auf. Einmal diejenigen, die an der Faltung und der damit verborgenen Inhalte interessiert sind und dann diejenigen, die den räumlichen Aspekt bevorzugen. Zweitere werden wenig Interesse am Inhalt aufbringen. Ihnen wird eine Gestaltung der Seiten von Hell(innen) nach Dunkel(außen) genügen (siehe Abb. 1). Diese Gruppe setzt sich zusammen aus Kindern, Schülern und Geometrieinteressierten. Als Bastelmaterial eignen sich die Faltkörper ebenso, wie für den anschaulichen Geometrieunterricht.

Die raffiniert gestalteten Faltkörper hingegen dürften für Aufsehen sorgen, da diese Form von Büchern völlig neu ist! Optische Täuschungen über die Ecken sind möglich, Erzählungen mit erklärenden oder elegischen Abzweigungen und alternative Enden auf zusätzlich gefalteten Seiten etc. Außerdem erweitern sich die Gestaltungsmöglichkeiten auf die zeitliche Reihenfolge der Faltungen. Wann wird was offenbar?

Das Lesen eines Faltkörpers wird damit zu weit mehr als zur Rezeption von Text und Bild, es kommt das Erleben des Buches, der Faltungen hinzu.

Derzeit wird es immer gängiger Bücher als ebook (elektronisches Buch) zu lesen. Gegen einen Trend der Virtualisierung stand schon immer die verstärkte Bewertung habtischer Vorgänge. Die Wertschätzung einer Postkarte aus dem Urlaub oder eines echten Briefes im Hausbriefkasten ist weit höher, als die einer Mail vom selben Ort und mit dem selben Inhalt.

Abschlusszitat: "ein buch kann auch als autonome und autarke form existieren, indem es vielleicht einen text enthält, der seine form betont, einen text, der einen organischen bestandteil der form bildet: hier beginnt die neue kunst des büchermachens." carrion

Literatur

Ulises Carrion, die kunst des büchermachens. 1975, deutsche Augabe: übersetzt von Hubert Kretschmer, 1982, veröffentlicht: Wolkenkratzer. Okt./Nov 1982, Nr 3/82